Kommentar

«Der Wirtschaftsausblick für den Euroraum war noch nie so gut»

Die Erwartungen der Finanzwelt für den Euroraum klangen auf der diesjährigen Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank erstaunlich unspektakulär. Nach Jahren systemischer Krisen, in denen sogar der Euroraum selbst infrage gestellt wurde, scheint Europa heute die Insel der Glückseeligen zu sein – mit Wohlstand und politischer Stabilität. Aber ist das wirklich so?

Beginnen wir mit der Wirtschaft. Tatsache ist, dass der Euroraum heute genauso stark wächst wie die USA und Großbritannien. Der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Victor Constâncio war sehr erfreut darüber, dass vor allem die starke Binnennachfrage für Wachstum sorgt. Kaum ein Industrieland verzeichnete einen stärkeren Anstieg des realen Pro-Kopf-Einkommens. 2017 legte es um 2 Prozent zu, gegenüber nur 1,5 Prozent in den USA (Siehe Tabelle). Seit Juni 2014, als die EZB mit ihrer unkonventionellen Geldpolitik begonnen hatte, sind über sieben Millionen Stellen geschaffen worden. Auch das Haushaltsdefizit verzeichnete einen massiven Rückgang, von 5,4 Prozent im März 2010 auf 0,3 Prozent im 1. Quartal 2017. Die Länder mit den größten Defiziten hatten sich massiv angestrengt, so dass 2017 nur noch wenige europäische Staaten ein Primärdefizit von über 3 Prozent aufweisen.